Gastbeitrag: Es war nicht alles schlecht damals

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Leben

Photo:  Zara Mirkin

Es war nicht alles schlecht damals beim Kaiser, beim Führer und bei Erich. Starker Tobak, aber wahr! Zugegeben: die Erinnerung an Kaiserzeit, Drittes Reich und DDR fällt altersbedingt eher vage aus. Aber Muttis und Omis Erinnerungen sind umso lebendiger und ihre Erzählungen deshalb auch glaubwürdige Ergänzungen zu dem, was man beim ZDF so aufschnappt. Klar, auch Mutti hat nicht immer Recht, doch immerhin, einen Grund zu lügen hat sie nicht.

Und mehr und mehr ertappe ich mich selbst dabei, wie sich die Früher-hätte-es-das-nicht-gegeben-Philosophie meines Unterbewusstseins bemächtigt. Eine Einstellung, die von meinem Neocortex noch vor wenigen Jahren nix als den Stinkefinger zu sehen bekam; rein schon aus Prinzip.

Aber jetzt? Was aus Teenager und Anfangzwanziger-Sicht noch positiv attribuiert oder schlicht und ergreifend gar nicht wahrgenommen wurde, scheint jetzt zunehmend Schatten zu werfen, die nicht mehr zu übersehen sind. Die schöne neue Welt mit Demokratie und Freiheit, Aktienfonds und privater KV, Mobilfunk und sozialen Netzwerken muffelt zunehmend.

Die Obrigkeit ist heute im Vergleich zu damals milder, dafür korrumpiert das Volk. Mensch, was waren das für Zeiten, als man zu einer Verabredung einfach pünktlich erschien. Ohne Handy gab es nicht die Möglichkeit um fünf vor Deadline zu SMSen, dass man sich um eine Stunde verspätet. Pünktlichkeit ist heute fast schon out.

Jeder beschäftigt sich mit seinen Alter-Egos, Nicknames, Fake-IDs, Bewerbungsunterlagen, Portfolios und Profilinformationen. Parallel zur Massentierhaltung arbeiten Menschen in Großraumbüros und Callcentern. Die Begriffe Burn-out, Mobbing und Depression hört man immer häufiger. Weiter geht’s mit Existenzminimum, Kindermangel, Schulabbrecher und meinem Liebling an dieser Stelle, dem Kassenpatienten.

Überall zerbrechen Beziehungen aller Art an den Eisbergen der Neuzeit: Distanzen, Workaholism, Identitätskrisen und vielerlei anderen semi-psychopatischen Verhaltensweisen, an Misstrauen und Fremdgängerei. Das Elend des Einen wird zum Sprungbrett des Anderen, der dann eines Tages auch wieder irgendwo hart aufschlägt. Freundschaften schlafen ein. Familien kommen seltener zusammen. Small Talk dominiert unseren Alltag. Kontakte, Netzwerke und Wichtigtuerei sind oft einträglicher als echte Leistung. Laissez-faire-verzogene Bälger erpressen ihre Mitschüler schon im Grundschulalter.

Als sozial schwach bezeichnet man nicht Leute mit wenig Freunden, sondern Leute mit klammem Geldbeutel. Die „sozial Starken“, die sich auf ihren Status noch schön einen abwichsen, nutzen ihre Vitamin-B geförderten Agenturgehälter um die Mieten in manchen Kiezen so hoch zu treiben, dass der rechtschaffende Maschinenschlosser samt Familie wieder zurückgedrängt wird in die Platte, wo er auf Augenhöhe lebt mit denen, die gar nichts machen.

Immerhin, es ist meistens ein Nachbar da zum Blumengießen, wenn’s einmal im Jahr für eine Woche ab nach Malle geht. Ein echtes Unding wenn man bedenkt, dass der Maschinenschlosser auch ohne gephotoshopte Werbeplakate gut leben könnte, der Agenturfutzi aber käme ohne Waschmaschine und Auto nur allzu räudig daher. Klar, dass der Schlosser nun versucht mit etwas Mobbing und einem geilen Nickname die soziale Lücke irgendwie auszugleichen; der Teufelskreis schließt sich; die Spirale treibt weiter. Ob wir wollen oder nicht, jeder von uns macht da an irgendeiner Stelle irgendwie mit. Jeder!

Das sind alles nur Beispiele stellvertretend für hunderte ähnlicher gesellschaftlicher Phänomene, mit deren textlicher Aufbereitung Bücher zu füllen wären. All dies hätte es früher nicht gegeben. HAT es nicht gegeben. Zumindest nicht in diesem besorgniserregenden Ausmaß. Und es war nicht an jeder Ecke „In your face“. Umgeben von Millionen anderen gibt es immer mehr Einsame und Gruppen sind eine Ansammlung von Einzelgängern. Unsere westliche Gesellschaft im Durchschnitt wird immer härter und unzuverlässiger. Verlass dich auf Andere und du bist verlassen.

Das galt früher nur für Fremde, für Gestapo und Stasi aber heute oft schon für die „besten Freunde“. Und wenn’s ganz hart kommt: die Familie. Dabei liegt gar nicht mal böser Wille vor, es sind schlicht und ergreifend die Zwänge des Alltags, die uns dazu verleiten. Wer konsequent Loyalität und Liebe lebt, kriegt vom Leben aufs Maul. Wer egozentriert, darf austeilen. Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht. Klingt logisch, geht aber nicht auf. Schlimm ist, dass das kaum einem mehr auffällt, es ist schon normal. Bosheit sei keinem unterstellt, nur Unwissenheit. Deshalb ist es notwenig, dass hin und wieder einmal darauf hingewiesen wird!

Abschließend stellt sich die Frage, welchem Zweck dieser Artikel hier dient. Ich glaube mein Unterbewusstsein will mich nur überreden meine private Rentenversicherung zu kündigen. Tatsächlich, genau das habe ich eben entschieden zu tun, kein Scheiß! Vielleicht müsste man noch weiter gehen und ganz aus alle geregelten Strukturen ausbrechen; Breaking Bad. Aber wenn das jeder macht, sieht’s auch wieder düster ein – ein Dilemma.

Ist das Erwachsenwerden oder Frühvergreisung? Realismus oder Extremismus? Deeper Shit oder dummes Gewäsch? Denkt mal drüber nach und macht Euch Euer eigenes Bild. Oder konsumiert weiter irgendwelche Medien. Das nächste Youtube Video wartet schon. Our minds are free. Hoffentlich.

So, das war ein Gastbeitrag von dem Autor MS. Habt ihr auch Bock, ein paar zusammengeknüllte Wörter in einen lustigen oder eventuell sogar sinnreichen Gesamtkontext zu bringen? Allright, dann schickt euren Textshizzle am besten an hallo@wenkewho.com und ich veröffentliche den epischen Brei dann gern unter eurem Pseudonym bzw. Anonym. How you want it.

4 Kommentare

  1. Dafür gab es früher andere, viel schwerwiegendere Probleme, die ganz anderer Natur waren. Die Probleme von heute in einer Vergangenheitsromantik zu verarbeiten, ist meiner Meinung nach ziemlich unsinnig und sogar ein bisschen gefährlich, früher war es nämlich nicht besser, sondern einfach nur anders, und dass die Dinge, die du anprangerst, früher besser waren, liegt nur daran, dass andere Dinge schlechter waren. Klar, die Kinder waren disziplinierter, dafür wurden Schläge als Erziehungsmittel akzeptiert- hachja, die gute alte Zeit? Doch nicht für diesen Preis. Nur so als Beispiel.
    Klar kann man all das, was du an heute kritisierst, schlecht finden, aber deswegen sollte man keine Zeit, unter der viele, viele Menschen sehr gelitten haben, gutheißen. Lass das ganze Vergangenheitsding weg und ich stimm dir zu.

  2. su dagst das im dritten Reich nicht alles schlimm war und zeigst dabei ein Fito von The Cobra Snake mit seinem Opa der im KZ fast seine ganze Familie verloren hat? Gewagt.

  3. Steve Strange sagt

    Du laberst eine arme Grütze… mannomann… ich hoffe, Du bekommst dafür kein Geld…

  4. Autor MS sagt

    @Johanna: guter Kommentar! Wie gesagt, es war nicht ALLES schlecht damals. Vieles schon, hab ich auch nicht abgestritten.

    @Niklas: Ich habe den Artikel ohne Foto verfasst. Ich kenne das Bild nicht. Wenn das Bild tatsächlich jemanden zeigt, der im KZ seine Familie verloren hat, ist es wirklich geschmacklos. Sorry!

    @Steve: Du kannst auch einen Gastbeitrag einsenden und somit beweisen, dass du weniger arme Grütze laberst! Geld bekommen wir für die Veröffentichung hier nicht. Aber an anderer Stelle zahlt man für solches Material sehr gut. Es wird für politische Reden verwendet. (nein! keine rechten Parteien!)

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