Die Melancholie der Leichtigkeit

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Leben

Photo: Jack Toohey

Natürlich zieht die gelebte Leichtigkeit auch ab und zu in der Achillessehne. Zuerst leicht und kurz. Später dann krampft sie sogar ein bisschen, wenn man den Schmerz einmal bereit ist, richtig zuzulassen. Die Melancholie der Unbeschwertheit erhebt sich kühn und fitter denn je, aus der hintersten Reihe deines selbst erschafften Publikums. Eigentlich nicht weiter tragisch, wäre da nicht echtes Blut an deinen Händen. Diesmal tropft es sogar aus unbekannten Stellen. Purpurrot und sämig quillt es langsam und gemächlich aus allen Löchern deines Seelenmantels. Um ehrlich zu sein eitert es schon fürchterlich. Die dicke Hülle, die dich selbst im kältesten Winter wärmte, verliert auf einmal ihre väterliche Grundsubstanz. Ein bisschen tragisch ist das schon, wenn man überlegt, dass dich plötzlich dein selbsterbauter Schutz, emotional entmannt. Der Stoff aus dem die Träume sind schwindet. Du verlierst dich ein bisschen. Nackt bis auf die Knochen atmest du deine Angst bis zur Bewusstlosigkeit. Dreckiges Blut pumpt durch deine Adern und du selbst bist dir der Nächste, weil es sowieso nie anders war. Diese Momente sind rar – dein Kämpferherz fängt an zu schlagen. Schneller und heftiger denn je.

Was Dich jahrelang selig beschützte und dir den Glauben an das Gute ums Herz legte, katapultiert dich nun in einen endlosen Sog der Selbstzerstörung. Wenn du nicht weißt, wie du in deinen eigenen wilden Gewässern zu schwimmen hast, hilft dir auch kein Anker mehr. Wie an einem von diesen verlorenen Tagen rennst du blind und verzweifelt in die Nacht. In der Hoffnung, dass dich fremde Hindernisse treffen, legst du deine Stirn frei und lässt sie frontal aufprallen. Es scheppert – dann frierst du ein wenig. Nach der Eiseskälte kommt die Angststarre. Dein Atem ist immer noch schwer im Rückstand und hechelt deinem starrenden Wahnwitz vorsichtig über die Schulter. Pausenlos spürst du Panik – nur Lösungen findest du keine. Was ist nur mit dir los? Warum verlierst du dich gerade jetzt und hier? Wo bleibt der Schlüssel zu dem Ausgang deines Labyrinths erbaut aus der puren Lust der Leichtsinnigkeit. Auf einmal hindern dich die Fesseln am Rennen und der verkannte Trübsinn ersetzt ungefragt die Sehkraft. Der Schatten des Zweifels haftet fest und aggressiv an den Gläsern deiner peinlichen Eindimensionalität. Rennen, aber verdammt noch mal wohin?

Warst du eigentlich schon immer so blind oder hast du es nur clever kaschiert? Die Leichtigkeit wird umso schwerer, je öfter du sie als Entschuldigung für deine eigene Unfähigkeit der Alltagsbewältigung verschwendest. Probleme lösen sich besser mit dem Verstand. Hör auf deinen Kopf und rationalisiere. Aus dem Bauch heraus entstehen nur dicke filzige Knoten, die du nicht einmal mit einem angespitzten Fingernagel-Dolch entschärfen könntest. Was einmal aus deinem losen Mundwerk kommt, trifft auf andere – trifft auf dich. Der sogenannte Boomerang-Effekt setzt ein und verhält sich im Rausch der Selbstzerstörung kalt und brutal. Wer will schon freiwillig den Emo raushängen lassen, selbst die Emokids sehen traurig scheiße aus. Eben. Deshalb ja.

Wer die Fassade der Leichtigkeit verliert und sich die ernste Frage des „logisch gelebten Selbstverständnisses“ stellt, begibt sich wie ich in eine Welt voller Ungewissheiten. Der Platz der nihilistischen Selbstfindung muss erst noch erbaut werden. Die nötigen Materialien dafür, suche ich am besten in der Hölle der Relativität. Der Wille und die Fähigkeit, mir die Kunst des Schwimmens autodidaktisch anzueignen, bleibt zum Glück. Ob mit oder ohne Anker. Wenn du die unruhigen Wellen nicht bezwingst, läufst du Gefahr und ertrinkst. So ist das nunmal. Dann versinkt die Ebbe in der Flut und deine Leichtigkeit wird von der unmessbaren Wucht des Wasser endgültig gebrochen. Nicht mit mir – ich breche die Welle und fliege über sie hinweg. Wenn man schon Flügel hat, sollte man sie auch benutzen.

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