Fremde Nähe – Wir waren einmal

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Leben

Foto: Cayal Unger

Früher waren wir wir. Du und ich. Ein schlagender Puls. Eine Hand voll Glück. Wir berührten unsere Seelen ohne zu fragen. Wir küssten unsere Herzen mit all der Hingebung, die wir aufbringen konnten. Es fühlte sich zu schön an, um wahr zu sein. Ein gelebter Traum aus echter Illusion und umgesetzten Glauben. Wir glitzerten so sehr, alle um uns herum erblindeten vor lauter Demut. Du und ich gegen die Welt.

Jetzt? Jetzt füllen wir unsere Nähe mit Distanz. Eng aneinander reiben wir unsere lieblosen Gemüter rau und blutig. Dein weißes Gesicht kotzt mir einen stinkenden Strahl purer Aversion entgegen. Lautlos und entsetzt drehe ich mich weg von dir, doch dein penetranter Duft nie zu Ende gehender Süße will mir einfach nicht aus der Nase entrinnen. Du fließt so sehr durch mich, wie das Blut durch meine Venen, der Schmerz durch mein Herz. Wie schnulzig. Doch es ist wahr.

Was machen wir hier nur? Keiner von uns beiden will einen Schritt näher kommen, keiner will einen Schritt voneinander wegtreten. Dumm. So dumm. Erstickende Enge ohne Luft zum Sinnieren, zum logischen Fühlen. Ein konfuses Paradoxum in sich. Jetzt sage doch endlich mal etwas, jetzt tue doch etwas, jetzt fühle endlich. Du toter, hässlicher Brocken voll mit Nichts. Du Hülse deiner selbst. Angewachsen an die eigene Sturheit bewegen wir uns nicht vom Fleck. Unser eigens des seelischen Untergangs erschaffendes Loch der Einsamkeit verschluckt uns. Langsam fallend schauen wir uns dabei in die Augen. Tief, aber nicht tief genug.

Was wir einmal hatten, hatten wir. Wissen wir das? Oder vergaßen wir wie stumpfe Trottel zu fühlen und kickten unser emotionales Erinnerungsvermögen schon längst aus unseren Herzen raus? Keine Ahnung. Es ist, wie es ist. Wir stehen hier, zumindest physisch. Doch wo verdammt noch mal befinden wir uns wirklich? Nicht hier, das steht fest. Diese fremde Nähe wird uns noch umbringen. Wie der Krebs schleicht sie sich leise und still in unsere müden Seelen, ohne uns ihre gegenwärtige Gefahr zum Ausdruck zu bringen. Eine selbst erschaffende List des Lebens. So tückisch wie der Teufel selbst.

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